Mein Sohn Harald

 

Die Zeit heilt nicht alle Wunden, man gewöhnt sich mit der  Zeit nur an den Schmerz!

Hallo liebe Sophie,

 

ich hatte heute Zeit, wieder einmal ein wenig auf Deiner HP zu stöbern. Es gibt immer noch viel, was ich nicht gelesen habe. Heute habe ich mir Deine Seite für Harald angeschaut und gelesen, was Euch geschehen ist. Ich bewundere Dich, wie Du trotzdem Dein Leben gemeistert und Deiner Tochter eine gute Mutter gewesen bist - denn davon bin ich überzeugt. Und mit wieviel Energie Du Dich heute für die Tiere einsetzt.

 Ich habe Dir - auch wenn es alles schon viele Jahre zurückliegt - ein kleines Geschenk gebastelt. Ich hoffe, es gefällt Dir.

 LG Gaby & Elisa

Danke , Deine lieben Worte tun sehr gut!!!

 

Vielen Dank für dieses Bild liebe Petra!!! Auch für das wunderschöne Schutzengelbild!

Danke liebe Christel für das wunderschöne Bildchen!

Der Tod, nein, das ist kein Ende
man begibt sich einfach in andere Hände
der Engel, der auf Dich aufgepaßt,
hält Dich hier sehr fest umfaßt

der Engel, er trägt Dich langsam fort,
hin zu einem wunderbaren Ort
er geleitet Dich in eine andere Welt
wo man Dir keine Fragen stellt.

Von Wärme bist Du angetan
hier tut Dir keiner Böses an
Die Menschen, von denen Du mußtest gehen
eines Tages wirst Du sie wiedersehen

alle die Dich wirklich lieben
bis zum Tode bei Dir blieben
Der Schmerz vergeht, die Erinnerung bleibt
.......bis hin in alle Ewigkeit

Ich bin bei Dir mit meinen Gedanken
ich stütze Dich und werde nicht wanken
Ich fühle den gleichen Schmerz wie Du
So vieles läßt Dir jetzt keine Ruh

Du hast jetzt Zeit für den eigenen Schmerz
Er ist sehr tief in Deinem Herz
Verwundbarer bist Du mehr denn je
Wenn ich in Deine Seele seh

Die Gedanken solltest Du überwinden
Und wieder zu Dir selber finden
Wenn Du mich brauchst, ich bin dann hier
Nimm meine Hände, ich gebe sie Dir

Ich will dir helfen, wo ich nur kann
Sag mir nur wie, wo und wann
Der Schmerz vergeht, die Erinnerung bleibt
.......bis hin in alle Ewigkeit

 

Mein Sohn Harald mit 7 Monaten

Steh nicht an meinem Grab und weine. Ich bin nicht dort. Ich schlafe nicht.

Ich bin wie tausend Winde, die wehen. Ich bin das diamantene Glitzern des Schnees. Ich bin das Sonnenlicht aus reifendem Korn. Ich bin der sanfte Herbstregen. Wenn Du aufwachst in des Morgens Stille, bin ich der flinke Flügelschlag friedlicher Vögel im kreisenden Flug. Ich bin der milde Stern, der in der Nacht leuchtet.

Stehe nicht an meinem Grab und weine. Ich bin nicht dort. Ich bin nicht tot.

Anonymes Zitat aus: Penelope Smith -

 

Das ist mein innigst geliebter Sohn Harald. Er wurde am 11.06.1970 im Krankenhaus Neunkirchen geboren. Er war ein heißersehnter Sohn und Enkel. Mein Vater wollte nur Mädchen, hat sie auch bekommen. Leider ist meine Schwester im Alter von 4 Monaten gestorben. Also kam ich zur Welt. Mein Bruder hat nur ein Kind, auch eine Tochter. Ich hatte ein Kind, eine Süße Tochter, meine kleine Sonja. Als ich wieder schwanger war begann schon vom Anfang an das Rätselraten- Tochter oder Sohn. Es war ein Sohn!  Harald entwickelte sich prächtig. Er war ein freundliches, immer lachendes Kind, hatte lange blonde Haare, die ihm meine Mutter ohne mein Wissen, eines Tages einfach abgeschnitten hatte. Er wurde von allen sehr geliebt, besonders seine damals 4-jährige Schwester bemutterte ihn und schleppte ihn überall mit hin. Wir waren eine glückliche kleine Familie. Mein Gott, wie sehr wurden diese 2 Kinder gehütet und behütet. Meine Mutter war verrückt nach den Beiden!  Und trotzdem............das Glück wurde jäh zerstört! Es war am Karfreitag, im Jahre 1972. Da ich  am Ende unseres kleinen Ortes wohnte, schickte mich meine Mutter an diesem Tag zum Einkaufen. Sie wollte noch einige Geschenke für den "Osterhasen" besorgt haben. Da wir nur 40-50 m  voneinander entfernt wohnten, ließ ich meine beiden Kleinen bei ihr und meinem Vater. Nicht in meinen schlimmsten Träumen hätte ich geahnt, daß ich  ich meinen kleinen Sohn nie wieder lachen hören würde, ihn niemals lebend wiedersehen sollte! 

 

Ich klapperte also all die Geschäfte ab, welche meine Mutter mir aufgeschrieben hatte, besorgte alles, was sie noch benötigte.  Unser Wohnblock bestand aus zwei gegenüberliegenden langen einstöckigen  Häusern, dazwischen lag ein riesengroßer, langer Hof, in dem immer sämtliche Kinder der Bewohner, spielten. Hinter dem einen Wohnhaus, nur so an die 10 m entfernt war ein Bach, der sogenannte "Werkskanal". An manchen Stellen war kein Zaun mehr vorhanden. Es waren schon öfter Kinder abgerutscht und hineingefallen, aber noch nie zuvor war ein Kind dabei  zu Tode gekommen.  Niemals, bis zu jenem Tag, dem Karfreitag 1972!  Als ich mit meinen Einkäufen zurück kam, war der große Hof menschen- bzw. kinderleer. Ein einziges Mädchen,  Evi,  die Tochter unserer Nachbarin war da und spielte mit meiner kleinen Tochter. Ich wußte sofort, daß etwas Schlimmes passiert war und daß das Geschehene mit meinem Sohn Harry zu tun hatte! Das Nachbarskind erzählte mir, daß Harry in den Bach gefallen sei und er bei der 200 m entfernt liegenden Stahlwarenfabrik herausgefischt worden war. Ich lief zurück  mitten auf die Hauptstraße und zwang so einen Autofahrer zum Anhalten. 2 Minuten später war ich bei der Fabrik. Man mußte noch einen kleinen Feldweg hineingehen um an den Steg zu gelangen an dem ich schon von Weitem meine Mutter hysterisch schreien hörte. Heute glaube ich, daß der ganze Ort dort versammelt war. Ich sah nur Trauben von Menschen, die mich neugierig begafften. Ich sah einen Rettungswagen, die Feuerwehr und als ich nahe genug war erblickten mich 2 Feuerwehrmänner , nahmen mich in die Mitte und hinderten mich daran zu dem kleinen Bündel zu gelangen, das mein Sohn war. Ich wehrte mich verzweifelt, versuchte mich loszureißen, aber in diesem Moment erblickte mich meine Mutter und fing an mich wie eine Verrückte zu beschimpfen!  "Du Hure! Du Schlampe! Du Rabenmutter! Kannst du dich nicht um deine Kinder kümmern, du Hure du verdammte!!!" Sie hörte nicht auf zu schreien, die Menschenmenge murrte und schon wurden mir  Beschimpfungen an den Kopf geschmissen, die nicht weniger hart waren als die meiner Mutter! Ich konnte nicht fassen, daß meine Mutter mich  zu unrecht so sehr beschuldigte, ich fühlte die Angst, die Panik, die Hilflosigkeit als der Mob begann sich auf mich zu zu bewegen!  Mein Verstand. mein Gefühl, meine Seele erlosch in diesem Moment, ich war nur noch eine aufgezogene Puppe, die sich ohne dessen bewußt zu sein , von dem Ort des Geschehens weg bewegte. Ich weiß bis heute nicht was, woran ich dachte. Ich war wie in Trance , nur mehr ein Körper ohne Inhalt!  Ich ging weg, ohne mich noch einmal umzudrehen, ging durch den ganzen Ort bis zu der Ordination meines Hausarztes. Ich erzählte ihm ich sei nur gekommen, weil meine Mutter , mein Vater und ich je eine Packung Valium bräuchten. Wir hätten in letzter Zeit alle große Schlafstörungen. Ohne Probleme bekam ich die verlangten drei Rezepte, ging weiter zur Apotheke in der man mir auch problemlos die 3 Schachteln Schlaftabletten aushändigte, ging weiter nach Hause, nahm ein Glas mit Wasser, löste 60 Stück Valium auf und zündete mir eine Zigarette an. Ich weiß noch, daß mein letzter Gedanke der war, "das ist jetzt die letzte Zigarette deines Lebens". In einem Zug trank ich das Glas mit der aufgelösten Masse aus, legte mich aufs Bett, Zigarette zwischen den Fingern, .......und dann weiß ich nichts mehr! Alles weitere weiß ich nur aus Erzählungen meines Vaters. Als meine Mutter nach Hause kam fragte sie ihn wo ich sei, er sagte ihr, sie solle mich in Ruhe lassen, ich hätte mich niedergelegt. Sie wollte aber unbedingt nach mir sehen (vielleicht hatte sie begriffen, wie schlimm sie sich verhalten hatte, ich weiß es aber bis heute nicht) ging in das Schlafzimmer und fand mich leblos,  die Glut der Zigarette zwischen meinen Fingern, im Bett.. Später sagte sie mir immer nur mit vorwurfsvoller Stimme "Wir hätten abbrennen können!" Sie hatte bis zu ihrem Tod nichts verstanden! Sie fand die leeren Tablettenpackungen und das Glas auf dem Nachtkästchen und wieder wurde die Rettung gerufen. Sie erzählte mir später, die Rettung hätte gleich über Funk den Namen und die Menge der eingenommenen Tabletten durchgegeben, und als der Krankenwagen in den Hof des Neunkirchner Krankenhauses einfuhr, standen da schon 2 Ärzte mit einer Rollbahre. Da ich zu ersticken drohte, meine Zunge füllte schon den ganzen Mund , machte man mir noch draußen einen Luftröhrenschnitt, legte Infusionen und brachte mich dann auf die Intensivstation. Meine Mutter erzählte mir, daß ihr die Ärzte gesagt hätten, Harald würde wahrscheinlich überleben, ich aber  würde sterben!   Noch in der gleichen Nacht verstarb mein kleiner süßer Engel, ich war 2 Wochen im Koma, und ich erinnere mich noch so als sei es gestern gewesen, in dem Moment, in dem ich die Augen öffnete, wußte ich schlagartig, was geschehen war!  Man bedenke es war das Jahr 1972, Sterbebegleitung oder psychologische Hilfe waren damals unbekannte Worte, niemand sprach mit mir über das was geschehen war, niemandem interessierte meine seelische Verfassung, Hauptsache ich war dem Tod von der Schippe gesprungen!  Man entfernte mir die Kanüle aus der Luftröhre, klammerte die Öffnung zu, und ich konnte wieder atmen und sprechen ohne die Hand auf das Loch legen zu müssen. Mein Vater kam mich mit meiner kleinen Tochter täglich besuchen, aber meine Mutter war zu feige mir gegenüber zu treten, oder mit mir über meinen (unseren ) Verlust zu sprechen!  Nach 3 Wochen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen , mich traf der nächste Schlag!  Ich erfuhr, daß Harald noch nicht begraben war, man wollte auf meine Entlassung warten, und schon 2 Tage später sollte das Begräbnis stattfinden. 

Es war ein schrecklicher Tag! Es war sehr kalt, regnerisch und nebelig. Trotzdem war der Friedhof schwarz vor lauter Menschen. Ich glaube der ganze Ort war gekommen, und immerhin hatte Pitten  damals 2000  Einwohner. Sie kamen bestimmt nicht aus Mitgefühl sondern es war pure geile Neugierde und Sensationslust!!  So stand ich also in der kleinen Aufbewahrungshalle und sah diesen kleinen weißen Sarg mit dem weißen Überwurf. Alles war weiß, die Ministranten, der Pfarrer, die Blumen. Weil Harald erst 22 Monate alt war wurde ein Engelamt abgehalten, deshalb alles in weiß! Ich konnte einfach nicht glauben, es nicht fassen, daß in diesem kleinen Sarg mein heißgeliebtes Baby  liegen soll! Der Gedanke, ihm nicht helfen zu können überstieg meine Vorstellungskraft, ich hatte das Gefühl verrückt zu werden, so groß war der Schmerz!  Als wir dann vor dem offenen Grab standen sah ich kein einziges Mal hinunter in die Grube, sondern ich starrte nur hinauf in den verregneten Himmel und dachte immer nur das Eine "Lieber Gott, bitte bitte nur nicht weinen, bitte nicht weinen! Sollte ich zu weinen beginnen, dann würde ich hysterisch werden, durchdrehen, einen Schreikrampf kriegen!" Meine Mutter klammerte sich schluchzend an meinem Arm fest, ich stieß sie von mir! Ich empfand nur Haß, abgrundtiefen  Haß! Es war mein Sohn, mein Kind, ich hatte ihn geboren, ich habe ihn großgezogen, ich habe ihn so sehr geliebt, ich hatte ihn mir so sehr gewünscht, sie hatte mir das Liebste genommen, hatte Schuld  an seinem so schrecklichen  Tod!! Sie hatte mich durch ihr Verhalten auch fast in den Tod getrieben und nun stand sie schreiend, heulend neben mir vor dem offenen Grab! Ich weiß noch, ich hatte den Gedanken sie auch in die Grube hinunter zu werfen, doch dann dachte ich mir, daß sie es nicht Wert sei neben meinem Baby zu liegen!!!  Ich vergoß keine Träne, und später habe ich dann erfahren, daß die anwesenden Gaffer überall erzählten" Zuerst will sie sich umbringen, dann weint sie nicht einmal!!" Sie erwarteten wohl eine kleine Sensation, anders kann ich mir ihr Verhalten nicht erklären! Als alles endlich vorbei war , bin ich noch sehr lange ganz alleine an Haralds blumengeschmückten Grab gekauert, erst dann flossen die Tränen, konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen, konnte ich weinen!  Ich legte ihm zum Abschied noch seinen Teddy aufs Grab, den hatte er so sehr geliebt!

Die Monate danach waren die Hölle. Ich wurde geschnitten, wie eine Aussätzige behandelt. Meine Mutter dachte nicht im Traum daran das Geschehene aufzuklären! Sie hielt an Ihrer Geschichte fest, ich wäre zu Hause gewesen, ich hätte nicht aufgepaßt! Natürlich gab es eine Gerichtsverhandlung, sie wurde zu 4 Monaten bedingt und zu S 30.000,- Geldstrafe verurteilt wegen "Verletzung der Aufsichtspflicht"  Dort am Gericht log sie wenigstens nicht, da mein Vater ihr gedroht hatte sie zu verlassen, sollte sie nicht die Wahrheit sagen. Im Juli 1972 hielt ich es zu Hause nicht mehr aus. Ich ließ meine kleine Tochter bei meinen Eltern zurück und fuhr nach Düsseldorf.  Ich wollte mir dort eine neue Existenz aufbauen, und dann meine Tochter zu mir holen.   Bis zu ihrem Tod haben meine Mutter und ich die Umstände, die zum Tode meines Sohnes führten, nicht ein einziges Mal angesprochen. Bis zu ihrem Tod hielt sie an der Geschichte, so wie sie diese immer erzählt hatte, fest! Was wirklich in ihr  vorging...ich weiss es bis heute nicht!! Erst im Jahre 1992 fand ich bei der Suche nach Familienfotos in einer Schachtel  das Gerichtsurteil aus dem Jahre 1972. Ich übergab es meiner inzwischen verheirateten Tochter, damit sie endlich auch offiziell die Wahrheit erfahren konnte und sie endlich die wirkliche Wahrheit erfahren konnte!  1994 verstarb meine Mutter und trotz allem was geschehen war, habe ich sie in ihren letzten Monaten (bis auf die im Krankenhaus, wo sie starb) gepflegt, gewindelt, gewaschen, gefüttert. Ich habe ihr nie verziehen, aber ich habe sie auch nicht mehr gehaßt. Das was passierte hätte auch mir passieren können, nur daß sie nicht dazu gestanden hat, das kann ich bis heute nicht begreifen! 

Leider gibt es auch kein Grab mehr wohin ich gehen kann, denn meine Mutter hat das Grab während ich im Ausland war, einfach  aufgelöst.  Dies auch hinter meinem Rücken, ich erfuhr erst davon, als ich im Jahre 1976 das Grab meines Sohnes besuchen wollte, und es nicht mehr zu finden war! Ich habe mir immer gewünscht einmal von Harald zu träumen, mit ihm zu sprechen, aber bis heute hatte ich noch nie von ihm geträumt! Was mir geblieben ist , ist ein Foto  und meine Erinnerung. Was blieb ist der immer noch  tiefe Schmerz  wenn ich an ihn denke,  voller Traurigkeit und Wehmut! 

Ich habe Dich so sehr geliebt mein Sohn und je mehr Jahre vergehen, desto größer wird der Schmerz. Normalerweise so sagt man, heilt die Zeit alle Wunden, aber bei mir ist es nicht so. Ich konnte mit niemandem über meine Trauer und den Schmerz um dich reden, es wollte einfach keiner über dich sprechen!.  Vielleicht kommst du doch noch einmal in einem Traum zu mir, ich wünsche es mir so sehr! Ich weiß, daß wir uns einmal wiedersehen werden, daran glaube ich ganz fest! Dann kann ich dich wieder knuddeln und küssen, was ich so viele Jahre nicht tun konnte!! Auf Wiedersehen mein geliebter Sohn!

Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon echt alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.

Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte: "Wer bist du?" 

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüstere die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war. 

"Ach, die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen. 

"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch. 

"Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet." 

"Ja, aber ...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?" 

"Warum sollte ich vor die davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?" 

"Ich ... ich bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme. 

Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so bedrückt." 

Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht. "Ach, weißt du", begann sie zögernd und äußerst verwundert, "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."

Die Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich nur zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen." 

"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir schon oft begegnet. 

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu." Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt. 

Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. "Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt." 

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: "Aber ... aber ...wer bist eigentlich du?" 

"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzeln, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen. "Ich bin die Hoffnung." 

Man sollte die Hoffnung NIE aufgeben. Es findet sich immer ein Weg.

Autorin Inge Wuthe

Die folgenden Bildchen sind alle von lieben Menschen, die sie mir zugeschickt haben. Kicken Sie auf ein Bildchen und  es öffnet sich die HP des jeweiligen Bildchenspenders. Danke Euch allen, habe nicht mit so einem Echo gerechnet. Gott segne Euch!

 

 

 

 

 

 

zuletzt aktualisiert am

Freitag, 09. Oktober 2009 11:23