Reisen

Das ist Roger, der Mann, den ich über alles liebte! Mit ihm unternahm ich diese lange, aufregende, aber auch beschwerliche Reise von Algerien bis nach Niger/Niamey.

Mein geliebter Mann Roger

    

Der Reisepass mit Stempeln von meiner Afrikareise


DIE SAHARA

Die größte Wüste der Erde, 9 Millionen km2 groß! Für mich eine der faszinierenden Landschaften der Welt! Bizarr, unbeschreiblich schön im Abendlicht, beim Sonnenuntergang. So etwas muß man erlebt haben denn die Fantasie versagt. Sand, Felsen , Berge, Gebirge halten sich die Waage, nichts überwiegt .Nachts ist das Firmament mit Sternen übersät, die wie Diamanten glitzern. In manchen Teilen Nachts bitterkalt, am Tag immer glühend heiß. Sehr oft sieht man Skelette von Kamelen, ausgebrannte Knochen säumen den Weg. Trotzdem, die Wüste lebt! An den Gueltas konnten wir Gazellen, Füchse, Springmäuse beobachten, und sehr oft lauschten wir dem Heulen der Schakale. Gueltas sind Regenteiche, aneinandergereihte Tümpel, jahrelang mit Wasser gefüllt, da sie durch die steil emporragenden Felswände  vor der glühenden Sonne vor dem Austrocknen geschützt sind. Blühende Oleanderbüsche umsäumen die Tümpel. Auch das ist Wüste!

 

Hafen von Agerien

Meine Reise begann am 24. Februar 1974 in Algerien. Mein Freund Roger ein Nigeraner, wollte mit mir in seine Heimat den Niger/Niamey, zurückkehren. Er ließ mir die Wahl zwischen  Flugzeug oder Trampen  quer durch die Wüste. Natürlich entschied ich mich für den Trip durch die Sahara. Hätte ich gewußt welche Strapazen auf mich zukommen würden, hätte ich mich wohl anders entschieden, nämlich für den bequemeren Weg, für das Fliegen. Rückblickend muß ich aber sagen, es war ein Abenteuer der ganz besonderen Art, ich möchte es um nichts in der Welt missen!

An einer Wasserstelle in der Nähe von Agadez

Sanddüne

Von Algerien weg bis zur Oase "In Salah" gab es eine befestigte Straße, und wir fuhren so ziemlich bequem in einem uralten Bus, konnten die Landschaft , sehr grün, hügelig, fruchtbar, bewundern. Nach stundenlanger Fahrt begann sich das Bild zu verändern, die Reise in die Wüste hatte begonnen. Ich war die einzige Europäerin und die einzige Frau auf dieser langen Reise, dies sollte sich auch bis zur Ankunft in Niamey, der Hauptstadt des Nigers nicht ändern! Anmerken muß ich jedoch es war das Jahr 1974 , und ich kann nur das wiedergeben, was ich in dieser Zeit gesehen und erlebt habe. Bestimmt hat sich in 28 Jahren sehr viel verändert, hat die Technik auch in den abgelegensten Gebieten Einzug gehalten. Also nach mehreren Pannen mit unserem Uraltbus kamen wir  nach 3 Tagen in der Oase "In Salah" müde , verschwitzt und total erschöpft an. Es gab ein einziges Hotel, zwar nicht sehr sauber, aber es gab ein großes Bett und endlich eine kalte Dusche., von der wir auch ausgiebigst Gebrauch machten. Danach wollten wir diese riesige Oase erforschen. 3000 Menschen lebten hier, es gab blühende Sträucher, Datteln,2 kleine Holzbuden, in denen man so etwas wie Essen bekam. Es war fürchterlich! So viel Dreck, noch mehr Fliegen, Moskitos, es gab keine Sekunde, in der man von den kleinen Biestern in Ruhe gelassen wurde. Noch mehr zu schaffen machte uns jedoch die glühende Hitze! Es gab kein Entrinnen, nur das Hotelzimmer.  Wir durchforschten also in den nächsten 3 Wochen diese riesige Oase, lernten die Menschen kennen, die sehr gastfreundlich waren. Jeder wollte uns einladen  mit uns sprechen, und eigentlich waren wir jeden Tag bzw. am Abend bei  irgendwem eingeladen. Roger kam gut mit der Situation zurecht, aber er war ja auch ein Mann, der in diesem Land seine Wurzeln hatte und z.B. die Gebräuche beim Essen kannte.  Für mich war es  d i e Katastrophe!  Die Mahlzeiten werden nämlich in einer großen Schüssel gereicht, dazu gibt es noch eine Schüssel mit einer  Soße, eine Gruppe von 5 oder 6 Personen sitzt am Boden rund um die Schüsseln und ein jeder greift mit den Fingern in das Essen, steckt es in den Mund, greift wieder in das Essen....... mir kam der Magen hoch im wahrsten Sinne des Wortes! Ich konnte nichts dagegen tun, ich kotzte alles wieder aus mir raus! Ich hätte alles für ein Eßbesteck gegeben!! Ich ernährte mich nur noch von Obst, Datteln und Wasser. Unsere Gastgeber wunderten sich immer  wenn ich das Essen ablehnte und Roger erklärte ihnen , ich hätte eine Magenkrankheit und könne fast nichts essen. Wie sollten wir auch diesen so gastfreundlichen Menschen erklären, daß mir von den vielen Fingern im Essen ekelte! Mir ging die Situation richtig auf die Nerven, kein "ordentliches" Essen, keine Sauberkeit, keine Frauen! Ich fragte einmal wo denn die Frauen wären, (Ich hatte wirklich von rein gar nichts eine Ahnung!) o ja, natürlich gibt es Frauen , sehr viele sogar mit vielen Kindern, aber die befänden sich alle im Haus und hätten draußen nichts verloren!! Basta! Ein einziges Mal sah ich 4 verschleierte Frauen (bei 40 Grad Hitze) unter einem Baum stehen. Ich winkte ihnen freundlich zu, sie jedoch ergriffen die Flucht. Ich versuchte sie zu fotografieren, aber ein Mann, auf einmal gar nicht mehr freundlich, riß mir die Kamera aus der Hand und beschimpfte mich fürchterlich. Ich wußte gar nicht was ich eigentlich falsch gemacht habe, doch Roger, der dem Mann erklärte ich sei halt eine unwissende Europäerin und auch noch eine Frau dazu(!) sagte mir, daß man eine Frau nicht fotografieren dürfe, da man ihr sonst ihre Seele nimmt.  Also entschuldigte ich mich gestenreich mit einem freundlichen Lächeln bei dem aufgeregten Mann. Was würde da noch alles auf mich zukommen, was würde ich noch alles "falsch" machen in diesem Land?  Ich wollte nur noch weg aus diesem Dreckloch, und mit Verlaub gesagt, "In Salah" war wirklich eines! Nach 3 Wochen hatte Roger endlich einen Transporter-LKW gefunden, der bereit war uns für viel Geld bis nach Tamanrasset mit zu nehmen. Meine Freude war grenzenlos, jedoch nur für kurze Zeit. Als die Zeit für die Abfahrt kam, standen da sage und schreibe 26 Männer in ihren langen Kleidern , jede Menge an Gepäck lag am Straßenrand, und ein uralter rostiger LKW voll bepackt mit Säcken, deren Inhalt ich nicht kannte, stand für die Abfahrt bereit. Die Männer, auch Roger erkletterten den LKW nach ganz oben und nahmen auf den Säcken Platz. Man bedenke 26 Personen!! Ich mußte, obwohl ich gar nicht wollte, im Führerhaus neben dem Fahrer sitzen. Es geschah aus Höflichkeit, denn ich als weiße Europäerin, so erklärte man mir, würde es in dieser Hitze außerhalb, ganz oben, nicht aushalten. O mein Gott, wie beneidete ich diese Männer! Der Motor des Vehikels strahlte nämlich so viel Hitze aus, daß ich dachte ich würde einfach zerschmelzen!  Denen würde ich es zeigen, Männerwelt hin, Männerwelt her! Am 2. Tag saß ich ebenfalls oben bei Roger  und es war  zwar sehr heiß aber trotzdem viel erträglicher als im Fahrerhaus. Außerdem saß ich nun nicht mehr neben einem wildfremden  schwitzenden, stinkenden (Knoblauch) meiner Sprache nicht mächtigen Araber, sondern endlich neben meinem geliebten Schatz-Roger! 

Dieses Vehikel brachte uns von "In Salah bis Tamanrasset!

Wir fuhren immer vom frühen Morgen bis zum Mittagessen dann krochen wir alle zusammen unter den LKW und verbrachten dort dösend die Stunden bis zum Abend. Im Dunkeln fuhren wir dann die ganze Nacht durch (war angenehm, weil nicht so heiß), am Morgen 1 Stunde Rast, Kaffe, Tee Fladenbrot, Ziegenkäse, Mund auswaschen mit dem schalen Wasser aus den Wassersäcken aus Ziegenleder, eine Hand Wasser für die Gesichtsreinigung, Clo gehen, und dann ging es wieder weiter bis Mittag. Schön langsam lernte ich die Menschen, die mit mir reisten, näher kennen , und sie mich. Wir unterhielten uns mit Händen und Füßen, zeichneten im Wüstensand, und  verstanden uns auch ohne die Sprache des anderen zu können! Ich lernte ihre Gebräuche, ihre Traditionen zu respektieren, zu akzeptieren! Nur ihre Art zu essen konnte ich einfach nicht annehmen. Der Ekel blieb, und ich habe in den sieben Monaten  die ich in der Wüste verbrachte, 20 kg abgenommen! Sie respektierten aber auch mich. Kein einziges Mal ist mir einer dieser Männer nahe gekommen, kein einziges Mal wurde ich belästigt! Meine Bedürfnisse erledigte ich immer weiter entfernt vom LKW , einmal zu weit weg! Ausnahmsweise machten wir schon am Abend Rast, hatten ein Lagerfeuer entfacht, als ich aufs Clo mußte. Es war ein wunderschöner Abend. Die Sterne waren riesengroß und glitzerten wie tausende von Diamanten. Also beschloß ich einen Abendspaziergang zu unternehmen. Ich war so verzaubert von der Atmosphäre dieser Wüstennacht, daß ich gar nicht merkte, daß ich schon sehr weit gegangen war, und ich auch das Lagerfeuer nicht mehr sehen konnte. Ich lief in verschiedene Richtungen. Panik kam in mir hoch, ich hatte eine Riesenangst. Wie konnte das sein, am Tag sah man in dieser Wüste (Sandwüste ) oft meileweit, und in der Nacht konnte ich keine paar hundert Meter ein Feuer erkennen!?!  Ich  wollte mich auf einen Stein setzen als ich etwas  bemerkte was sich bewegte. Ein Skorpion! O mein Gott, was sollte ich bloß tun?  So stand ich nachts, mitten in der Wüste neben einem Skorpion und wußte nicht was tun, in welche Richtung ich gehen sollte. Ich rief nach Roger, nach den anderen, aber da war nur Stille! Irgendwann sah ich in der Ferne Lichter und hörte lautes Rufen. Man suchte mich mit Fackeln in der Hand. Zwei Männer auf Kamelen entdeckten mich und ich konnte vor lauter Freude und Erleichterung nur heulen. Sie brachten mich zurück zu meiner Gruppe, ich schwöre, nie wieder habe ich mich so weit entfernt, daß ich den Schein des Feuers nicht mehr sehen konnte! Später sollte ich erfahren, daß man ganz selten einen Skorpion sieht, selbst unser Fahrer hätte in den letzten 2 Jahren nur 1 mal einen entdeckt.

Sonnenuntergang in der Wüste Sahara

 

In dieser Nacht jedoch drang mir ins Bewußtsein, wie schön, wie tiefgründig, wie unendlich die Sahara doch ist .Ich begann die Stille in den Nächten der Sahara zu lieben, fühlte wie klein der Mensch doch ist in dieser unendlichen Weite. Ich hatte immer  mehr das Gefühl, hier in dieser Wüste weht der Atem Gottes. Ich sah die Einfachheit der Nomadenvölker, ihre Art mit der Natur, der Wüste, der Hitze zu leben, ich  begann mein Herz für diese Menschen zu öffnen,  sie besser zu verstehen, sie zu lieben.  Unterwegs trafen wir auf eine riesige Kamelkarawane.  Das erste Mal traf ich auf die sagenumwobenen "Blauen Männer", die Tuaregs, wie sie von den Arabern genannt werden. 

Kamelkarawane der Tuareg  

Tuareg  ist ein abwertender Begriff und bedeutet sinngemäß "Die von Gott verlassenen". Sie selber nennen sich "Imuhar/Imajeren, die freien Menschen. Sie luden uns ein  in ihr Zelt , in dem es überraschend kühler war als außerhalb. Es war alles blitzsauber, Teppiche lagen am Boden,  in einem Teil des Zeltes befanden sich ein paar Ziegen. Der Gastgeber  reichte uns starken sehr süßen, heißen Tee, und  ich konnte es nicht glauben, aber er begrüßte mich in einem perfekten Englisch. Wir unterhielten uns blendend und ich, ich war total von diesem Mann fasziniert. Nie zuvor hatte ich einen so schönen Mann gesehen. Ich erzählte ihm aus meinem Leben, von meiner Reise durch den ersten Teil der Sahara, von meinen Schwierigkeiten auf die traditionelle Art zu essen. Er begann herzlich zu lachen, stand auf, ging hinaus zu einem Packen, der neben einem Kamel lag, öffnete ihn und kam mit einem Löffel in seiner Hand zurück und gab mir diesen. Er erzählte mir, daß er in Frankreich studiert hätte, aber als er damit fertig war zog es ihn sofort wieder zurück in die Wüste. Hier wären seine Wurzeln, sei er wirklich zu Hause. Er war der perfekte Gastgeber, kümmerte sich um mich, die einzige Frau unter so vielen Männern, wich mir nicht mehr von meiner Seite. Er sollte in den nächsten zwei Jahren mein bester Freund werden.  Sein Name war Idrissa.


"idrissa" mein treuer Freund

Alles was ich mir an Wissen über die Wüste angeeignet habe, erfuhr ich  von ihm. Zum Beispiel , daß die Teezubereitung Männersache ist. So eine Teezubereitung dauert an die 30 Minuten und läuft nach genauen Regeln ab. Man füllt zwei kleine Gläser mit grünem Tee in eine Teekanne, die man mit Wasser auffüllt. Man läßt das ungefähr 10 Minuten kochen, dann fügt man vier Gläser mit Zucker hinzu, vermengt alles bis es schäumt. Der erste Aufguß ist nun fertig. Man füllt wieder Wasser in die Teekanne, läßt es wieder 10 Minuten kochen und fügt einige Minzblätter hinzu. 5 Minuten weiterkochen lassen, 2 Gläser Zucker hinzu, vermengen, bis wieder alles schäumt. Der 2. Aufguß ist fertig. Wasser wieder in die Kanne füllen, 5 Minuten kochen lassen, 2 Gläser Zucker dazu, vermengen bis es schäumt, der 3. und letzte Aufguß ist fertig! Der Tee schmeckt einfach erfrischend, belebend, köstlich! Idrissa backte auch Wundervoll schmeckendes Fladenbrot. Dazu vermischte er Mehl mit Wasser, gab etwas Salz dazu, dann wurde ein Teig geknetet. Im Sand wird ein Feuer entzündet, dann wird ein Loch gegraben, der Teig wird hineingelegt, heiße Holzkohle und Sand wird darübergehäuft. Nach etwa 15 Minuten wird das Brot umgedreht und die andere Seite gebacken. Nach  ungefähr einer halben Stunde ist das Brot fertig.  Da Idrissa um meinen Ekel beim Essen ja wußte, sagte er eines Abends zu mir, daß er eine Überraschung für mich hätte. Er freute sich wie ein kleines Kind, daß er mir eine Freude machen konnte. Er rief  einigen anderen Männern was zu, ich verstand kein Wort, was sich aber schlagartig ändern sollte. Zwei der Männer gingen daraufhin in das große Zelt und kamen mit einer Ziege zurück. Ich wurde blaß, wußte ich doch sofort was passieren würde. Die Ziege sollte geschlachtet werden, für mich!! Das muß gerade mir passieren!!! Ich liebe Tiere über alles, ich wollte nicht, daß ein Tier für mich sterben mußte. Roger wußte was in mir vorging und flüsterte mir zu ich soll nur  jetzt nicht durchdrehen! Dies sei eben ihre Art Gastfreundlichkeit zu zeigen. Eine ganz besondere Ehre für mich! Er schickte mich in das Führerhaus unseres Lastwagens. Ich saß dort, zusammengekauert, hielt mir die Ohren zu. Ich weinte wie ein Kind, so sehr tat mir diese kleine Ziege leid! Eine  Stunde später war alles vorbei. Ich setzte mich wieder zu den Männern ans Feuer, wo die Ziege gebraten wurde. Idrissa strahlte mich an, ich konnte ihm einfach nicht böse sein! Er würde es sowieso nicht verstehen, Studium hin Studium her, so war eben seine Kultur. Ich zwang mich ein paar Bissen zu essen, lobte den Geschmack der Ziege (hat wirklich gut geschmeckt, trotzdem konnte ich dieses Tier einfach nicht genießen!) und der Höflichkeit war genüge getan! Roger und ich beschlossen bei der Karawane zu bleiben da Idrissa uns angeboten hatte, mit uns  in das Ahaggar-Gebirge  per Kamel zu reisen. Zuvor  jedoch  beschlossen wir, mit unserem Transporter nach El Golea mitzufahren. El Golea liegt 400 km nördlich von In Salah und ist eine schöne Oase. Hier gab es Datteln, Pflaumen, Orangen, aber abgesehen davon hat El Golea nicht viel zu bieten.  Wir füllten die Wasserschläuche aus Ziegenleder mit dem sehr frischen Quellwasser auf, und weiter ging es. Eines der wichtigsten  Dinge hat mir auch unser Freund beigebracht, nämlich mindestens   6-7 l Wasser täglich zu trinken, da sonst der Körper großen Schaden nehmen kann. (man schwitzt ja doch alles wieder raus) , außerdem so erfuhr ich, nehme man zu dem Essen immer etwas mehr Salz, da der Körper durch das Schwitzen sehr viel Salz verlieren würde. Nach ein paar Tagen fuhren wir  weiter.  Nächste Station sollte Tamanrasset sein. Problematisch wurde es mit unseren Wasserreserven, denn hinter El Golea gab es Abschnitte von über 250 km ohne Wasser und Versorgungsmöglichkeit. Gelegentlich kamen uns Beduinen oder auch ein anderer Transporter zu Hilfe, und halfen uns mit ihrem Vorrat aus. Es war eine besonders anstrengende Route, glühend heiß, mit vielen Stopps, da das Wasser im Kühler andauernd zu kochen begann. Idrissa erzählte mir, Tamanrasset läge 1400 Meter hoch und sei daher angenehm kühl. Außerdem , der größte Teil der algerischen Sahara würde hinter uns liegen, allerdings nicht der Schwierigste, denn es seien noch an die 400 km biss zu der Grenze zum Niger, und das als Sandpiste! 

Zwei unserer fröhlichen Berber-Reisegefährten


Endlich kamen wir nach Tamanrasset. Es ist die Stadt der Tuaregs ,( ab jetzt werde ich aber aus Respekt vor diesen Menschen, sie nur mehr Imajeren- Imuhar, nennen.).Sie liegt 700 km südlich von In Salah. Mitten im größtem Ödland der Welt, lebten hier (so sagte man mir) 40.000 Menschen. Jeden Tag gab es einen Nachmittagsmarkt und man fand genug Plätze zum Essen.. Hier trafen wir auch auf einige Touristen, denn der Hauptanziehungspunkt von Tamarasset ist die Nähe zu Ahaggar, der riesigen Gebirgskette. Braune, gelbe Berge  sind die übrig gebliebenen Kerne von Vulkanen, der Höchste dieser Berge ist 3000m hoch.  Da ich kein Typ fürs Bergklettern bin, verzichtete ich sehr gerne auf die beschwerliche Reise in die Berge. Wasser müsse man selber mitschleppen, die Rettungsmöglichkeiten bei einem Unfall seienNull, die Devise sei Selbsthilfe.  Auch Roger hatte sich dazu entschlossen nicht mit Idrissa ins Gebirge zu ziehen, sondern wir entschlossen uns dazu eine Woche Pause einzulegen, um dann mit Idrissa nach Agadez weiter zu reisen. Wir besichtigten auch das Plateau des Tassili Najjer mit seinen tausenden von Felsmalereiern und Gravuren. Fassungslos stand ich vor den meisterhaften Darstellungen  von riesigen Giraffen. Leider hatten wir den einzigen Film den wir hatten, schon verbraucht, und es gibt nur sehr wenige Bilder von meiner langen Reise.  Wir fuhren auch in die Tenere, eine fast 1000 km lange Sandfläche zwischen Agadez und Bilma. Es ist das leerste Wüstengebiet der Erde. Mehrere Tage sind wir Mittelpunkt einer gelben Fläche, nur begrenzt von einem messerscharfen Horizont. Die Tuaregs nennen dieses Land "Land der Furcht". Karawanen durchziehen seit jahrhunderten das Land um in den Oasen Datteln und Salz zu kaufen.  Unvergeßlich blieb mir auch die Reise in das Hoggargebirge. Ich erlebte einen unvergleichbar schönen Sonnenuntergang am Paß des Assekrem in 2600 m Höhe.  Idrissa konnte meisterhaft erzählen, und an den langen Abenden am Lagerfeuer, erfuhren wir von ihm alles über die Traditionen der Imajeren, die Stellung der Frauen , über  ihr Leben hier in dieser Wüste. Imajeren, so sagte er uns stolz, seien die Könige der Wüste, tapfer, herzlich, schlau, dem kargen Leben angepaßt, gastfreundlich, ehrlich. Im  rötlichen  Schein des Feuers beobachtete ich Idrissa immer wieder. Er war eine stattliche Erscheinung. Sehr groß ,  seine Augen  sehr dunkel , warm und freundlich, und er kam mir in seinem indigoblauen Gewand wie eine sagenumwobene Gestalt vor. Sein weißer Litham (Gesichtstuch) war fast immer bis zu den Augen hochgezogen. An der Seite trug er das traditionelle Imajerenschwert. Das weiße hochnäsige Kamel paßte wundervoll zu ihm, Ihn umgab immer eine Aura von Würde, von Respekt, aber auch von großer Hingabe, Wärme und viel Stolz! Ich fragte mich immer, wie würde dieses Gesicht unter dem Litham aussehen?  

Ich hatte zwar schon viele Imajerenfrauen gesehen, mit ihnen gegessen, ihre Schönheit bewundert, aber so richtig wußte ich nichts über ihr Leben. Ich wußte , daß sie unverschleiert , und Muslime sind. Ich dachte, ihre Stellung wäre so wie in fast allen islamischen Gesellschaften. Idrissa hörte mir immer sehr aufmerksam zu, doch beim Thema Frauen lüftete er zum ersten Mal sein Gesichtstuch, und ich konnte ihn in all seiner Schönheit bewundern. Ich weiß noch, daß ich ihn zum ersten Mal so richtig lausbübisch grinsen sah. Er fing an mir über die Frauen seines Volkes zu erzählen. Die Targia (Frau) kümmert sich nicht nur um die Erziehung der Kinder, sondern sie verwaltet auch den Besitz und bestimmt die Verteilung der Nahrungsmittel. Er erzählte mir von den Urmüttern seiner Kultur, die in früherer Zeit ganze Stämme befehligten. Die Targia darf jeden in ihr Zelt einladen, ohne die Erlaubnis ihres Mannes einholen zu müssen, sie trägt keinen Schleier. Der grausame Brauch, die Frauen genital zu verstümmeln, hat in seine Kultur nie Einzug gehalten, ebenso wenig muß eine Frau bei der Heirat noch Jungfrau sein. Sie darf schon früh wenn sie will einen Freund haben, sie bestimmt wann und wen sie heiratet. Eine Scheidung ist nichts Besonderes, beide Partner haben das Recht, wieder eine neue Verbindung einzugehen. Trotzdem unterscheiden sich die Imajeren nicht nur in ihrem Äußeren voneinander, sondern besitzen auch ihren gesellschaftlichen Schichten gemäß unterschiedliche Moral-und Verhaltensvorstellungen. Was sie verbindet sind ihre Sozialordnung und ihre Sprach Tamasheq. Die Schichtzugehörigkeit wird von den Frauen bestimmt, d.h. die Kinder gehören immer zur Schicht der Mutter, und auch die Stellung des Mannes richtet sich nach der seiner Frau. 

  

Die Kinder der Imajeren gehen in keine Schule(99%).Sie helfen beim Hüten und Melken der Kamele. Kamelmilch ist einer der wichtigsten Bestandteile ihrer Nahrung. Täglich gibt es Hirsebrei verrührt mit Kamelmilch. Läden gibt es ja keine und alles was die Imajeren zum Leben brauchen, wird von ihnen selber hergestellt.  Die Kinder ziehen  mit ihren Familien und Karawanen  über 800 km durch die Wüste, um das lebenswichtige Salz für Mensch und Tier zu  besorgen. Ihre Zelte haben sie immer dabei. Was mich sehr erstaunte, die Kinder bettelten uns immer um Zigaretten an, die sie auch rauchten. Keiner der Erwachsenen fand das außergewöhnlich.  Idrissa erzählte uns,  er und sein Bruder mußten schon als Kinder neben den schwerbeladenen Kamelen herlaufen. Auf diesen erschöpfenden Reisen gab es kaum Wasser. Abends wurden die Kamele abgeladen, morgends wieder beladen. Es war Knochenarbeit!  Auch für die Tiere war die Reise sehr anstrengend, es wurden nur die kräftigsten Tiere mitgenommen, trotzdem gingen manchmal Tiere ein. Sehr oft trafen wir auf das Skelett  eines Kamels, das noch so wie es sich zum Sterben hingelegt hatte, im Wüstensand  ausgedorrt von der glühenden Sonne lag.  An einem dieser "Plauderabenden" so nannten wir  die gemütlichen, entspannenden Stunden vor dem Lagerfeuer, fragte ich Idrissa während der Teezubereitung, warum gerade er eine Schule besucht hätte, wie es dazu gekommen sei, daß er in Frankreich studieren konnte.  Wir waren in den langen Wochen unseres Zusammenseins wirkliche Freunde geworden, und so hatte ich keinerlei Hemmungen mehr, ihn  über alles was mich interessierte, Fragen zu stellen. Er erzählte mir, daß er in Agadez, er war gerade 11 Jahre alt, einen Franzosen getroffen hatte, der von seiner Familie sehr freundlich aufgenommen worden war. Dieser Mann blieb auch einige Wochen bei ihnen, und zwischen der Familie und dem kleinen Jungen Idrissa entstand eine tiefe Zuneigung und Freundschaft. Dieser Mann hieß Jaques Debree( weiß nicht, ob es richtig geschrieben ist), und der erkannte, daß der Junge sehr wißbegierig, aufgeschlossen und intelligent war. Er redete so lange auf Idrissas Eltern ein, bis sie einverstanden waren, den Sohn in die Hände des Mannes zu übergeben   um ihm die Möglichkeit zu geben, lesen und schreiben zu erlernen. Idrissa sagte mir, er würde seinem Vater ewig Bewunderung entgegenbringen, denn  so weit ihm bekannt, hätte so etwas vorher noch nie stattgefunden, und bis zu unserem Gespräch am Feuer wüßte er auch nicht, daß noch jemand auf diese Weise die Wüste verlassen hätte,  um in einem fremden Land in die Schule zu gehen. 13 Jahre hätte er in Paris verbracht, lesen und schreiben gelernt, das Abitur gemacht, und an der Universität Archäologie studiert. Der Franzose sei auch bis heute noch sein väterlicher Freund und war sehr traurig als er beschlossen hatte, trotz Studium, in die unendliche Weite der Wüste zurück zu kehren. Idrissa sagte uns aber auch, sollte er einmal Kinder haben, dann würde er alles dafür tun, auch ihnen die Möglichkeit einer schulischen Bildung zu gewährleisten. Er war schon ein toller Mann mein Freund Idrissa!


AGADEZ

Nachdem wir zwei ungemütliche Wochen an der Grenzstation  in Assamakka verbracht hatten, machten wir uns auf das nächste Ziel unserer Reise, Agadez, zu erreichen. Ungemütlich deshalb, weil es dort außer ein altes Fort (jetzt Militärstützpunkt), ein paar Lehmbauten, nichts als Hitze, Fliegen und Dreck gab. Die Grenzposten dort sind alle korrupt! Täglich änderte sich die Höhe des Geldes um die notwendigen Formalitäten erledigen zu können. Man hatte nichts zu tun, die Hitze war so groß, daß man den ganzen Tag nur dösend rumliegen konnte. Rundherum nur Sand, Steine, Sand...so gelangweilt hatte ich mich nie zuvor in meinem Leben wie an diesem unwirtlichen Ort! Endlich, nach zwei langen Wochen, durften wir die Grenze passieren und nach Agadez weiterreisen.

Moschee Tuareg beim Füttern Blick von Moschee
Agadez Rast "Tuareg"

Agadez im Herzen der Sahara. 620 000km2 zwischen Sand und Steinwüste. Es ist die Hauptstadt des Departements und ist der wesentliche Kreuzungspunkt  im Niger. Niger befindet sich zwischen  Lybien, Algerien. Nigeria und Tschad. Mittelpunkt ist die Moschee mit dem 28m hohen Minarett, das mit Holzstangen "gespickt" ist. Im Palast aus Lehm residiert der Sultan. Wir quartierten uns(Roger und ich) im heruntergekommenen Hotel de l Air ein.  Von hier aus waren es noch ca. 1100 km bis Niamey.Außer der Moschee, dem Markt und den vielen Schmieden hatte Agadez nicht viel zu bieten. Die Aufdringlichkeit der Händler war total nervig.  Es gab nichts, einfach gar nichts! Optisch ist die Stadt mit ihren Lehmbauten, den buntgekleideten Menschen sehr reizvoll, aber ich fühlte mich hier überhaupt nicht wohl. Ich vertrug das Essen im Hotel nicht, bekam Durchfall. Sehr gerne verbrachte ich die Zeit, außer die Schlafenszeit, wieder bei Idrissa, der das beste Essen zubereiten konnte, das ich auch vertrug. In der dritten Nacht hatte ich meinen ersten Malariaanfall, was ich jedoch nicht wußte. Ich hatte hohes Fieber, Schüttelfrost und dachte, ich hätte mir eine Grippe eingehandelt. Roger reagierte sofort, ich wurde ins Krankenhaus gebracht, so nannte sich zumindest dieses baufällige Gebäude. Ich bekam eine Spritze, wie so oft in den nächsten 14 Monaten, und alles war wieder in Ordnung.  Wir wollten so schnell wie möglich endlich nach Niamey, Rogers Heimat. Idrissa umarmte mich (ist dort normalerweise nur unter Männern üblich!) ganz fest und versprach, uns in einigen Monaten in Niamey zu besuchen. Ich fragte ihn wie er uns denn finden würde, er aber sagte mir nur lachend, es sei ganz einfach. Den Namen Sabatier (Rogers Name) wüßte er ja, und das würde genügen. Sabatier mit weißer Frau, er würde uns ganz bestimmt ausfindig machen. So sollte es dann auch sein. Ich war die einzige weiße  Frau, die mit einem Schwarzen zusammen lebte.  Es fiel mir sehr schwer meinen Freund zurück zu lassen, aber ich verstand, daß er zu seiner Familie zurückkehren müsse. Er war jetzt schon vier Monate mit uns zusammen, und ich konnte ihn verstehen! Er brachte uns noch zu einem Mini-Bus und bei Temperaturen um die 40 Grad C fuhren wir mit 10 anderen Mitreisenden  von Agadez Richtung Niamey ab. 17 Stunden-eine Ewigkeit (2 Stunden Mittagspause) benötigten wir für die Reise. Es war die Hölle!! Wir fuhren über Birnin Konni, Dogondoutchi, Dosso, und endlich sahen wir von Ferne die Lichter (sehr spärlich!) einer Stadt. Um 2 Uhr Nachts hatten wir endlich das Ziel erreicht. Die letzten 1000 km lagen hinter uns! Ich war gespannt auf mein Leben in dieser Stadt mit Roger.

Die Strapazen der Reise sind uns beiden ins Gesicht geschrieben


Bevor ich weiter über mein Leben in Niamey berichte, möchte ich noch einiges erwähnen. Meine Reise begann ja im Jahre 1974, und in diesem Jahr suchte eine verheerende Dürre den Sahel heim. Zu tausenden verendete das Vieh der Nomaden, die Brunnen versiegten und die Menschen starben an Hunger und Erschöpfung.  Die Hilfe der anderen Länder erreichte die Menschen, Opfer der Katastrophe jedoch nicht, stattdessen wurden sie von den reichen Europäern auf den Märkten zu  Billigstpreisen gekauft!! Ich selber sah Säcke der Caritas auf denen groß "Kleidersammlung" draufstand, auch diese wurden nur von Europäern gekauft!! Ich habe Kinder mit aufgetriebenen Bäuchen gesehen (Hunger)  zu schwach um die lästigen Fliegen , die sich in Schwärmen an jeder Körperöffnung befanden, zu verscheuchen. Ich sah tausende von blinden Menschen, geführt von Kindern an einem Stock, um Essen bettelnd. Ich sah hunderte von Bettler, die jede Nacht auf dem Hauptplatz am Boden lagerten , darauf wartend, daß ihnen irgend jemand etwas zum Essen gibt. Ich sah Leprakranke am Boden dahinkriechen, und dort wo so ein Kranker auftauchte, bildetet sich immer eine Gasse, und  man fand auch im dichtesten Getümmel einen großen Platz, um durch zu kommen. Ich sah aber auch wie weiße Europäer mit Mercedes, Volvo und anderen Luxusschlitten durch die Gegend fuhren, die sie sich extra einfliegen haben lassen. Ich sah Europäer, die neben den Hungernden das, was von ihrem Essen übrig blieb, in den Abfall warfen.  Ich sah Europäer, die schwarze Kinder schlugen, ich sah unendlich viele Menschen verhungern, verrecken, anders kann man dieses Sterben nicht nennen!! Leider sah ich das aber auch bei den schwarzen, besser gestellten Schichten. Sie waren nicht besser zu ihren Landsleuten, als die Weißen. Ich erlebte die Verachtung der Menschen gegenüber den Imajeren, sie wurden verjagt, beschimpft, mit Steinen beworfen. Ich verstand diesen Haß damals nicht, heute jedoch weiß ich , daß die Regierung in Niger die Imajeren ausrotten will.  Ich möchte  jetzt einen Text niederschreiben,  aufgezeichnet wurde dieser Text jedoch 1995 von Hawad . Ich gebe ihn hier unkommentiert wieder.  Danach folgt noch ein Text von Maguy Vautier, der Präsidentin der Hilfsorganisation Atlik. Ich denke, daß ich damit meine Behauptung über die geplante Ausrottung der Tuaregs untermauern kann.


Karsa welet Elghelas  lebte für viele Jahre in Ouagadougou, Burkina Faso. Sie sagte zu Hawad:

"Für mich repräsentiert mein Heim, meine Nation, und die Nation der Tuareg ist das Heim für jedermann. Wer auch immer in mein Heim eintritt, wird Frieden und Güte finden. Er bekommt meine Großherzigkeit, und seine Güte wiederum wird zu meiner Stärke. Diese Kraft macht alle, die mein Heim betreten, zu Brüdern. Ich mache keinen Unterschied zwischen Songhay, Haussa, Peulh, Tuareg, Araber und Bambara. Jedes menschliche Wesen ist für mich meine Familie. Gerade meine Feinde, unsere Feinde, lade ich ein, ich beschütze sie bis zu dem Tag, an dem sie uns verlassen. Auf diese Gastfreundschaft, besonders die zu meinen Feinden und denen, die meine Brüder töten lege ich großen Wert. Jede Person, die unseren Boden betritt, gehört zu unserer Familie und findet Schutz, weil im Inneren unserer Heimstätten auch in Kriegstagen Frieden herrscht. Das Innere unserer Zelte gehört der Brüderlichkeit und Humanität, das ist so Tradition. Ich bin eine Wächterin dieser Sitten, dieses Ideals, ich weiß, daß wir diese Tradition von unseren Vorfahren geerbt haben. Sollte Morgen unsere Nation wieder zusammenfinden, werde ich diesen Geist weiterführen. Ich betrachte die kulturelle Identität der Menschen als etwas Heiliges, es sollte nicht normal sein, diese Kultur niederzuzwingen  oder im Namen  des Hasses zu vernichten. Wir können uns von allen unseren Traditionen und Werten verabschieden, außer dieser Großzügigkeit. Ich meine die Würde, gegenüber den Feinden und der Hyäne, wenn sie unser Heim betritt. Sie werden zu denen, die Respekt, Gnade und Frieden verdienen, so wie du dich selber behandeln solltest. Diese Tradition sollten wir nicht im Namen einer Illusion oder eines fernen Paradieses aufgeben. Wenn wir Tuareg unsere Identität verlieren werden wir zu lebenden Toten. Mein Heim, unser aller Heim, ist die Verbindung zwischen der Menschheit, jedes menschliche Wesen in meinem Heim hat seine eigenen Ziele und Sichtweisen. Sie bringt Gutes für mich und kann meine Welt bereichern. Mein Herz ist mein Heim, ist das Volk der Tuareg. Ich möchte wieder wie früher leben, in der diese Werte noch galten. Eine Nation, die sich als Brücke zwischen den Völkern versteht. Eines unserer Sprichwörter sagt:" Wenn du einen Mann willst, gib deine Töchter". Wir alle, die wir diese Tradition leben, sind weiter als unsere Feinde, denn wir möchten, daß unsere Kinder ebenfalls diese Werte weitergeben. Diesen Menschen, den Du in Dein Zelt einläst ist wie der Mann, der deine Schwester heiratet. Vielleicht schon morgen, wenn du nicht an ihn denkst, kann er dir helfen. In unserer Gesellschaft hat sogar der Verrückte seinen Platz. Wenn er zu dir kommt, lade ihn ein und behandle ihn so, als wenn ihr zusammen eine neue Welt errichten wollt. Es gibt so viel im Leben. Alles ist verschieden, jedes hat seinen Platz und seine Berechtigung. Es ist im Namen dieser Philosophie, daß mein Zelt, auf fremden Land, offen ist für alle.  Die Nation der Tuareg offen für alle. Mein Wunsch ist die Befreiung unseres Volkes und die Öffnung all unserer Herzen im Namen der Menschlichkeit. Mein Wunsch ist, daß meine Brüder frei sind und ebenfalls nach diesen Werten leben. Es gibt kein einziges Dorf auf dieser Welt, daß unserer Welt nicht irgendeinen Vorteil bringen kann. Alles, jede Person bringt etwas in diese Welt mit ein. Nichts ist ohne Bedeutung, jedes bringt Gutes oder Schlechtes. So ist die Welt. Ja, Schlechtes ist nichts Gutes,  aber so ist der Lauf der Dinge. Unsere Lebenstheorie, wenn uns jemand Übles angetan hat, sieht die Dinge in einem größeren Zusammenhang. Wir taten ihm Gutes und wenn derjenige das irgendwann versteht, wird er uns diese Güte zurückgeben und das ist das Gute. Wenn er das nicht versteht, vertrauen wir darauf, daß jemand anderes uns dieses Gute zurückgeben wird. Der Mensch ist gut und böse zugleich. In der modernen Welt haben wir Tuaregfrauen unseren Platz verloren. Die Frauen meiner Generation, die noch mit diesen Werten aufgewachsen sind, fühlen sich verloren. Viele meines Alters denken so, aber sie sagen nichts, weil ihre Seelen verwundet und erstickt wurden. Der Wille von uns Frauen wurde unterdrückt, vergewaltigt, ermordet. Wir tragen die Last unseres Untergangs, weil wir die Unterschiede zwischen unseren Kindertagen und der Gegenwart erkennen müssen. Die Welt, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Unsere Schwestern, die nach uns geboren wurden, sind Entwurzelte unserer Kultur. Sie sind stärker als wir, weil sie die Veränderungen dieser Welt besser hinnehmen können. Ich sage nicht, daß diese Frauen weniger leiden, aber sie werden besser überleben, denn sie kennen nicht unsere alte freie Welt mit ihren Werten, unseren Traditionen. Die Frauen meiner Generation können nichts weiter tun, als die Vergangenheit zu betrauern. Alt geworden, bevor wir wirklich alt sind, geflüchtet in die Vergangenheit, können wir nichts anderes tun, außer die Veränderungen anzunehmen. Aber wie sollen wir das machen, wenn das die Aufgabe unserer Würde bedeutet? Die Grausamkeit tötet die Frauen, die Bewahrerinnen der Kultur unseres Volkes. Ich verlange nichts, außer die Auferstehung unseres Volkes. Ich möchte, daß die Nation der Tuareg zu einem mächtigen Baum mit starken Ästen wird, in dessen Schatten es für jeden Platz gibt."

Karawanenzug


Maguy Vautier, Präsidentin der Hilfsorganisation Atlik berichtet folgendes:

Ich war 1971 zu Beginn der großen Dürrekatastrophe in Niger. Alle bedürftigen Tuareg kamen nach Niamey, wo man sie in einem Lager des Roten Kreuzes empfing und versuchte, ihnen zu helfen. Da hat mir eines Tages ein Ehepaar einen Säugling anvertraut und mir gesagt:" Bei dir bleibt er ein Tuareg".Ich habe ihn aufgezogen, er wurde mein Sohn. 1983, während der zweiten großen Dürrezeit, bin ich wieder nach Mali und Niger gekommen. Ich fand ein sterbendes Volk vor, daß sich von aufgelesenen Samenkörnern ernährte und das die mageren Pflänzchen suchte, die hier und da am Wege standen. Die Menschen hatten nicht einmal mehr die Kraft, ein Zelt aufzustellen, sie lebten in Lagern zusammengedrängt, wie man in Dachau lebte. Ich habe versucht, den Tuareg in Mali zu helfen. Sie kamen aus dem Stamm der Antessar, und ihr Territorium wird von Timbuktu verwaltet. Wir haben ein Gesundheitszentrum und Brunnen geschaffen und dadurch 4000 Tuareg vor den Folgen der Dürre retten können. Ich hatte auch Verbindungen zu den Tuareg in Agadez, die mich baten, dort auf die gleiche Weise tätig werden zu können. Ihre Tiere waren verendet, viele Männer waren als Straßenarbeiter in Lybien oder hüteten die Tiere der seßhaften Bauern in Algerien. Der Stamm sehnte sich danach, in Niger wieder wie früher zusammenzuleben. Ich habe mich um  beide Stämme gleichzeitig gekümmert. Solange die Tuareg nur mit dem unerbittlichen Klima zu kämpfen hatten, war noch nichts verloren, selbst dann nicht, wenn dieses Klima katastrophal war. Aber ab 1990 kamen die Folgen der Auseinandersetzungen dazu. Ab Mai 1990 erhielten wir immer weniger Informationen über die Tuareg in Mali, während dort die politische Situation für sie immer gefahrenvoller wurde. Bald erhielt ich überhaupt keine Nachrichten mehr, es bestand nicht einmal mehr die Möglichkeit, einen Hilfskonvoi loszuschicken, jede Kommunikation war abgebrochen. Doch schließlich erhielt ich Briefe, und jeder war eine Art Todesanzeige mit langen Listen von Toten: 6 Jahre alt, 8 Jahre alt, Schüler, Väter, Mütter, Großväter- nicht Listen mit zehn, nein Dutzenden von Toten habe ich damals an Amnesty International weitergeleitet. Ein Greis war auf einem öffentlichen Platz festgebunden und verbrannt worden, man hatte eine Granate mitten in eine Gruppe von zehn Tuareg, die bei ihren Tieren standen, geworfen. Die Tiere wurden nicht verschont. Für einen Europäer scheint das bedeutungslos im Vergleich zu  Menschenleben. Aber wer diese Gegend kennt , weiß daß das Leben der Tuareg von dem ihrer Tiere abhängt. In dieser katastrophalen Situation kam ich nach Mauretanien, wohin die Kel Antessar geflüchtet waren, aus Mali, über die nächstgelegene Grenze- dennoch hatten die Frauen 500 km zu Fuß zurücklegen müssen. Sie wanderten nicht, wie es die Nomaden tun, nein, sie liefen vor dem Tod davon, nahmen nichts mit, denn die Soldaten beschossen sie und warfen Granaten auf ihre Zelte. Das Militär hatte Gifte in die Brunnen im Gebiet Timbuktus geworfen, das Weideland war angezündet und verbrannt worden, die Tiere fanden kein Futter mehr. Die Tuareg sind voller Verzweiflung geflohen, ließen all ihren Besitz zurück. Ich habe die Grausamkeiten gesehen, die charakteristisch sind für solch einen Exodus: Kindern waren von Soldaten absichtlich die Hände gebrochen, oder ihre Eltern waren vor ihren Augen getötet worden. Ich habe aber auch wunderbare Taten der Mitmenschlichkeit gesehen. Ich habe miterlebt, wie ein Soldat ein Kind rettete. Mauretanien war so freundlich, sie aufzunehmen, aber mehr wurde dort nicht für sie getan. In den Flüchtlingslagern haben sie Ruhe gefunden, aber viele auch den Tod auf Grund ihrer extremen Unterernährung. Dazu kamen alle typischen Krankheiten, die in schlecht geführten Lagern auftreten: Keuchhusten, Masern, Magen-Darmerkrankungen. Man verteilte Reis an sie, gab ihnen aber keine Mittel, um ihn zu kochen. Ich kann nicht sagen, wieviele von den 4000 Tuareg überlebten. Ihr Volk ist in alle Winde zerstreut, nach Algerien, Mauretanien, ja, bis hin nach Saudi-Arabien. Einige von ihnen leben zur Zeit in den Städten, sind also seßhaft. Die einzigen Stellen in Niamey, wo man sie bisher in Ruhe läßt, sind die Müllhalden. Sie leben von nichts, die meisten kennen nicht einmal die Stadt, man schickt die Kinder zum Betteln dorthin. Das Volk der Tuareg, dessen Kultur und moralischer Größe nur wenige Menschen kennen, ist in Gefahr unterzugehen. Das Herz blutet mir, während ich das schreibe. Die Tuareg sind ein stolzes Volk, das nichts so sehr liebt wie seine Freiheit!


Jetzt waren wir also endlich am Ziel. Es war der 24.September 1974. Auf den Tag genau vor sieben Monaten hatte unsere Reise begonnen, nun war ich in Niamey mit Roger angekommen. Ich sah sehr neugierig und erwartungsvoll auf dieses Leben. Roger hatte einen väterlichen Freund sein Name war Mendez. Er war Senegalese und er und seine Frau besaßen eine Kneipe mit großem Garten.  Bei dieser Familie wohnten wir die ersten zwei Monate. Roger war sehr viel unterwegs um mit Hilfe alter Freunde wieder Fuß zu fassen.  Da ich den ganzen Tag mit der Familie zusammen war, erlernte ich sehr schnell die französische Sprache. Ich begann mich nützlich zu machen und kellnerte  von Morgens bis spät in die Nacht hinein bei meiner Gastfamilie. Ich war die  Sensation! Das Lokal war täglich zum Bersten gefüllt, nur Männer, und der Umsatz der Mendez stieg um das 10 -Fache.  Heute weiß ich auch warum das so war. Niemals hätte eine weiße Frau in einer Kneipe von einem Schwarzen gearbeitet. Ich war die Einzige in ganz Niamey und kann mir auch nicht vorstellen, daß es heute jemand macht! Eigentlich muß es ja in umgekehrter Reihenfolge ablaufen, "Schwarz" arbeitet bis zum Umfallen, für fast "Nichts" für "Weiß"! So dachten zumindest in dieser Zeit a l l e Weißen! Ich kann diese Behauptung guten Gewissens und vollster Überzeugung niederschreiben, da ich von sämtlichen Weißen und ihren Familien wie ein Fremdkörper behandelt wurde. Ich war ein Außenseiter, eine die mit einem Schwarzen mitten im Europäerviertel (später!) lebte, mit ihm schlief, ihn liebte, eine die seine vier Kinder, wie die Eigenen großzog, eine weiße Frau, Europäerin, die ihre schwarzen Helfer (Küche, Garten) wie ihre besten Freunde behandelte, was sie mir auch waren! 

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zuletzt aktualisiert am

Samstag, 26. August 2006 18:40