Reisen (Seite 2)

Rogers Schwester
Die "Pilotenrunde" Der damalige Präsident Seyni Kountche mit Roger

Wir lebten in einem schönen , großen Haus zuerst Roger und ich alleine, aber nach 2 Wochen (nach gegenseitigem Beschnuppern) zogen auch die vier Kinder von Roger zu uns. Ihre Mutter war bei der Geburt des 5 Kindes gestorben. Da waren also 2 Mädchen und 2 Jungs im Alter von 7, 9, 10 und 13 Jahren! Zu meiner großen Freude war sofort eine große Zuneigung zwischen mir und den Kindern. Da Roger viel unterwegs war, verbrachte ich sehr viel Zeit mit ihnen und da ein jeder Mensch  sich ja unterhalten will, erlernte ich sehr schnell die französische Sprache. Kinder besitzen eine unendliche Geduld, und es machte ihnen großen Spaß mich immer wieder auszubessern! Ich war glücklich, nur wenn ich an meine kleine Tochter dachte, dann tat mir das Herz weh. Wir hatten aber immer brieflichen Kontakt, und ich hatte eigentlich vor, sie zu mir zu holen. Ich war damals wirklich sehr blauäugig, hatte noch nichts von den politischen Verhältnissen in diesem Land geahnt, woher denn auch!  Was mir große Schwierigkeiten bereitet hat war, daß die Menschen dort nach meinen Begriffen, keine Beziehung zu Tieren hatten. Sahen die Kinder eine Katze , dann bückten sie sich, nahmen eine Handvoll Steine, und beschossen das Tier damit! Es gab stundenlange Gespräche mit ihrem Vater und mir (Roger liebte Tiere genau so wie ich, ist ja in Frankreich erzogen worden). Die Wandlung war erstaunlich! Schon nach kurzer Zeit hatte sich das Verhalten unserer Kinder total verändert. Es kam eine Katze ins Haus , wir nannten sie Leo. Danach kam noch ein wunderschöner junger semmelfarbener Schäferhund namens "Wodka" und schließlich zog auch noch eine kleine (Baby) schwarze Ziege bei uns ein.  Leider passte Francis einmal nicht auf, der Hund lief beim Gartentor raus und  bis wir merkten , dass Wodka gar nicht mehr da war, war er schon überfahren worden!! Irgend so ein scheiß Europäer ist einfach auf ihn losgefahren, dies erzählte uns dann ein befreundeter Schwarzer!!! Sie nennen das "Hunde-Abschiessen" diese Scheißkerle!!  Die süße kleine Ziege war unser aller Liebling, und wir nannten sie "Blacky". Man bedenke, in einem Land, wo Ziegen nur für die Milch-und Käseerzeugung, sowie zum Schlachten gehalten wurden, hatten wir ein Zicklein als Haustier! Verstanden hat das niemand, nicht einmal die Familie von Roger, aber man ließ mich als eine weiße , eigenartige Europäerin, gewähren! 


Vor unserem Haus war eine schöne große Terrasse.  "Blacky" wußte ganz genau wo der Zucker(Würfel) aufbewahrt wurde. Wann immer sie konnte klaute unser Naschzicklein den ganzen Inhalt der Packung. Auch die Blumen wurden nicht verschont. Hatten wir am Anfang einen blühenden Garten, nach nur 2 Tagen mit ihr, sah die Pracht aus wie eine wilde"Gstädte"! Sie wurde täglich mit dem Schlauch abgespritzt, was sie leidenschaftlich liebte. Da auch die Nächte in Niamey sehr heiß sind, schliefen wir mit unseren Matratzen draußen im Garten. Blacky schlief immer neben Roger und mir. Gott seis gedankt, niemand von den anderen Einheimischen  wußte davon. Sie hätten mich wohl amtlich für verrückt erklären lassen! Ich glaube, die ganze Stadt hätte über Roger gelacht, so absurd war das, was wir machten , in diesem Land, in dem ein Tier rein gar nichts bedeutet!! Das waren die lustigen, schönen Dinge, die ich dort erleben durfte. Die schlimmen Sachen, Hunger, Not, Armut, Obdachlosigkeit, Korruption, Krankheiten, all das standen aber für mich immer im Vordergrund. Jeden Abend ging ich zum Marktplatz um den dort auf den Boden liegenden Menschen, Essen und Obst zu bringen. Natürlich war das, was ich tun konnte, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber ich kann guten Gewissen sagen , daß ich alles was in meinen Kräften stand, für diese armen Menschen getan habe. Ich kannte ja viele Europäische Familien , fast alle Franzosen,  die schlemmten und frassen sich fett, sehr viel Essen blieb täglich übrig, aber man dachte  nicht im Traum daran, das Essen einem armen Menschen zukommen zu lassen, alles wurde in den Müll geworfen, ich fand dieses Gehaben, dieses  von Oben auf die Armen runter zu schauen, diese Ignoranz einfach nur  verachteswert, ich  hielt auch nicht  mit dieser Meinung hinterm Berg, na ja.......auf solche "Freunde" konnte ich gut verzichten!!  Genau wie alle anderen Europäer hatten wir einen Koch und einen Gärtner. Zu der damaligen Zeit bekam ein solcher Helfer ungefähr DM 30,- im Monat. Ich war empört und setzte bei Roger das Doppelte an Lohn durch. Täglich kamen Scharen von Kindern am Haus vorbei, die um Arbeit bettelten. Es brach mir fast das Herz, aber leider ist so die Realität, man kann nicht jedem Menschen auf der Welt als Einzelperson helfen! Trotzdem hatte ich immer etwas Reis und Hühnchen für die hungernden Kinder. Auch Mangos hatten wir in Hülle und Fülle, die ich gerne verschenkte, und von den hungrigen Kindern sehr geschätzt wurden, und sehr sehr oft*lach* waren bis zu 20 Kinder bei mir, ihr strahlendes Lachen war Lohn genug für mich, und sehr sehr oft bestand unser Garten  in der Nacht nur noch aus Matratzen , ich schaffte es einfach nicht diese oft nur 8 bis 9-jährigen Kinder wegzuschicken!


Am 24.Dezember 1975 wurde ich von schrecklichen Schmerzen im Bauch geweckt. Ich dachte, es wären einfach nur Krämpfe, die ich immer vor meiner Regel bekam. Ich blieb auf meiner Matratze liegen darauf wartend, daß die Schmerzen weniger werden würden. Es wurde jedoch immer schlimmer! Ich bekam hohes Fieber und als ich dann auch noch fürchterliche Blutungen bekam, wollte mich Roger ins Krankenhaus bringen. Ich konnte aber nicht mehr gehen, ich schrie nur noch vor Schmerzen und hatte schreckliche Angst sterben zu müssen,  und so wurde ein Krankenwagen angefordert. (Ist nicht so einfach, es gab kein Telefon und man mußte zuerst jemanden hinschicken, der dann alles Nötige in die Wege leitete.) Es dauerte sehr lange bis ich endlich im Spital auf einem gyn. Stuhl lag. Ein sehr lieber, schwarzer (!) Arzt untersuchte mich und dann weiß ich nichts mehr!  Als ich wieder zu mir kam lag ich in einem kleinen Einzelzimmer mit Klimaanlage. Roger saß auf meinem Bett und erzählte mir, daß ich fast verblutet wäre. Ich hätte eine Eileiterschwangerschaft gehabt, der Eileiter ist geplatzt, und der Bauchraum wäre schon voller Blut gewesen! Ich hatte wirklich wieder einmal großes Glück gehabt!! Außer einen Eierstock und einem Eileiter hatte ich nichts verloren. Am 31.Dezember 1975 durfte ich das Krankenhaus verlassen, 10 Tage später wurden nur noch die Nähte entfernt. Eine Woche später stand überraschend unser lieber Freund Idrissa vor unserer Tür. Er war mir wie schon Monate vorher, eine große Hilfe. Ich wog ja nur noch 47 kg und hatte noch immer Schmerzen. Ganz selbstverständlich übernahm er die anfallenden Hausarbeiten, lernte mit den Kindern, bügelte unsere Klamotten ...und er kochte wieder für uns. Unser Koch durfte nur noch die Sachen zum Zubereiten der Speisen am Markt besorgen, alles andere war seine Sache. Idrissa lachte sich fast tot als er sah, daß wir eine Ziege als Haustier hielten. Er neckte mich immer indem er mich fragt, ob das eine Wiedergutmachung wegen der für mich geschlachteten Ziege sei!  Es war eine wunderbare Zeit, wie früher saßen wir die halben Nächte im Garten auf unseren Matratzen, sahen andächtig in diesen wunderbaren Sternenhimmel, freuten uns über jede (es waren eine Unmenge) Sternschnuppe, die glitzernd über den Himmel aufleuchteten um dann im Nichts wieder zu verschwinden. Es tat mir unendlich gut diesem Mann beim Erzählen seiner Geschichten zu lauschen, mit ihm zu lachen, mit ihm andächtig zu schweigen vor der Schönheit dieses afrikanischen Sternenhimmels! 


So verliefen die Monate, schneller als ich denken konnte. Es hat sich nichts geändert nur, daß mich jetzt Idrissa zu den Armen begleitete, er das Essen trug und so gut wie möglich verteilte. Ich kümmerte mich weiter um die vielen Kinder, nahm immer wieder für ein paar Wochen einige von ihnen bei mir auf. Sie kommen jedes Jahr in die Stadt ohne Vater oder Mutter, betteln, versuchen durch Arbeit sich selber zu ernähren. Erst zur Erntezeit gehen sie wieder zu ihren Familien zurück. Die Regierung in Niamey unternahm rein gar nichts um wenigstens den Kindern zu helfen! Ostern 1976 wurde gegen den damaligen Präsidenten Seyni Kountche geputscht, doch dieser schlug fehl. In den nächsten Wochen kamen immer wieder Militärpolizisten mit der Maschinenpistole im Anschlag, und durchsuchten das ganze Haus. Ich weiß von Roger, daß einige Menschen hingerichtet wurden, mehr erzählte er mir aber nicht. Ich spürte seine Unruhe, seine Angespanntheit, seine Angst!   Eines Nachts im Mai 1976 erzählte er mir, er hätte große Angst um mich, denn es könne sein, daß er ins Gefängnis müsse, es hätte mit dem Putsch zu tun. Behutsam, mit Tränen in seinen Augen brachte er mir bei, daß es wohl besser, sicherer wäre, wenn ich das Land auf dem schnellsten Wege verlassen würde. 


Es wurde eine sehr lange, traurige Nacht! Idrissa saß mir gegenüber, meine Hand in der Seinen, die Kinder waren völlig verstört, weinten, und Roger hatte seinen Arm um meine Schulter gelegt, sagte im immer wieder wie sehr er mich liebt, aber er hätte Angst um sein Leben und um das seiner Familie. (Sippenhaft). Da ich seine Frau bin, wäre ich im Moment hier auch nicht mehr sicher. Roger wirkte auf einmal um Jahre gealtert. Da saß ein Mann vor mir, der mich, das wußte ich, über alles liebte, der alles in seiner Macht stehende getan hatte um mir ein schönes Leben mitten in diesem armen, von Krisen geschüttelten Land zu bieten. Dieser Mann hatte es geschafft, der 1.schwarze Pilot seines Landes zu werden. Er sorgte für seine riesengroße Familie , hatte sich freiwillig für die Staatsbürgerschaft von Niger entschieden (Vater war ja Franzose, hätte auch diese annehmen können!) Er war immer der starke, verantwortungsvolle, treusorgende Sohn, Vater, Mann, und jetzt saß mir dieser von mir so geliebter Mensch neben mir und ich spürte seine Angespanntheit, seine Unruhe und Angst fast körperlich. Natürlich wollte ich mehr wissen, warum und weshalb, aber er sagte mir immer wieder nur, daß ich, so lange ich "Nichts" weiß, so halbwegs sicher sei. Es ging dann alles rasend schnell. Er schaffte es innerhalb von 2 Wochen meine vorgeschriebenen Impfungen (Ohne, daß ich wirklich geimpft wurde!) in meinen Paß zu bekommen. Er beschaffte das Flugticket und erledigte, ohne daß ich in Erscheinung treten mußte, sämtliche Formalitäten. Ich hatte genug mit meinen Gefühlen, meiner Verzweiflung und Trauer zu tun, aber ich versteckte um der Kinder willen, diese Gefühle tief in mir drinnen. Sie waren die wirklich Leidtragenden! Die richtige Mutter gestorben,  der Vater jahrelang in Europa, dann endlich wieder eine glückliche Familie, und dann brach auf einmal wegen dieser sch...(!) Politik alles entzwei!! Idrissa war mir in diesen letzten Wochen keine große Hilfe mehr. Ich mußte für alle stark sein, ich mußte trösten, Zuversicht, Optimismus ausstrahlen. Diese letzten Wochen überstiegen fast meine Kräfte, und ich war trotz meines unsagbaren Schmerzes froh, als ich nach tränenreichen Abschied von Myriam, Helen, Francis, Gabriel und Idrissa, meiner Ziege Blacky ,und der Katze Leo , endlich mit Roger am Flughafen in Niamey stand. Wir hatten uns die Nacht zuvor geschworen, egal was auch immer passieren wird, wir würden aufeinander warten. Roger sagte, er wolle alles versuchen, so schnell wie möglich zu mir nach Österreich zu kommen. Jetzt hier im Flughafengebäude gab es nichts, rein gar nichts mehr zu sagen! Wir hielten uns einfach ganz fest in den Armen, und ich glaubte mein Herz würde vor Schmerz in tausend Stücke gerissen. Ich wußte, fühlte, daß ich diesen Mann nie wieder sehen würde!!  Genau an dem Datum (24.Mai ) an dem wir unsere Reise begonnen hatten, landete ich am Flughafen Wien-Schwechat (1976).  Zwei Jahre lang schrieben wir uns , glaubten wir daran, daß er es schaffen würde, sein Land verlassen zu können. Seit 1978 habe ich nichts mehr von Roger, seinen Kindern, seiner Familie gehört. Er war mein Leben, meine große Liebe, eine Liebe auf den ersten Blick war unsere Begegnung. Ich werde ihn und seine Kinder niemals vergessen. Seinen Platz in meinem Herzen konnte nie wieder ein Mann einnehmen, obwohl ich meine 2. Mann auch sehr gerne gehabt habe, aber  so wie für diesen Mann habe ich nie wieder gefühlt !!  Gerne würde ich wieder zurück in dieses Land , zurück zu meinen Freunden, wissen, was mit Idrissa  meinen Imuhar-Seelenfreund geschehen ist, aber ich weiß, daß dies eine Wunschtraum bleiben wird, immerhin habe ich hier meine Familie, meine Enkelkinder, meine Freunde und meine Tiere und es mangelt am Wichtigsten- Geld! Also bewahre ich mir diese Erinnerungen als etwas ganz besonders Kostbares in meinem Herzen! Ich werde Euch niemals vergessen, Gott schütze Euch!!!

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zuletzt aktualisiert am

Samstag, 09. Dezember 2006 18:00